Firmen haben die fallende Nachfrage dieses Konjunkturrückgangs nicht vorhergesehen, was die Flaute nur noch vertieft. Das Nachfragemanagement ist jedoch ausschlaggebend für den Erfolg gegenüber der Konkurrenz.
Kurz gesagt hat niemand damit gerechnet. In der Supply-Chain-Fachsprache beschrieben Geschäftsführer bedeutender europäischer Herstellungsunternehmen die Konjunkturschwäche auf diese Weise: Wir haben bei der Nachfrageprognose versagt.
Die Geschäftigungsführer der Fertigungsbranche waren sich bei der Extended Supply Chain-Konferenz Ende März in London einig. Lieferkettenexperten aus unterschiedlichsten Firmen, zu denen der Mobiltelefonhersteller Sony Ericsson, der innovative Haushaltsgerätehersteller Dyson und der PC-Sicherheitsanbieter Lenovo zählten, erklärten einstimmig, dass sie die im Rahmen der Rezession auftretende fallende Nachfrage nicht erwartet hatten.
Gleichermaßen einig waren sie sich in Bezug auf die wachsenden Herausforderungen in der Sichtweite bei Lieferanten. Ein leitender Geschäftsführer des deutschen Chemiekonzerns BASF ermahnte die Branche jedoch, an der Entwicklung nachhaltiger, effizienter und innovativer Lieferketten zu arbeiten, während eine Supply-Chain-Fachkraft von AMR Research Hersteller aufforderte, Aspekte wie geistiges Eigentum und digitalen Vertrieb in die Lieferkettenüberlegungen zu integrieren. Dieser unterstrich zudem die Bedeutung des offensiven Nachfragemanagements, um Lieferketten zu einem stärkenden Instrument im Wettbewerb zu machen.
Angesichts der weitreichenden Auswirkungen auf viele Unternehmen von Fehleinschätzungen der künftigen Nachfrage bilden Nachfrageprognosen ein ideales Sprungbrett zur Ankurbelung von Supply-Chain-Verbesserungen.
„Die Prognosegenauigkeit in der Mobiltelefonbranche hat sich im Laufe der letzten fünf bis sechs Jahre kaum verbessert,“ so Patrik Jansson, Vice President und Leiter der Supply-Chain beim Handyhersteller Sony Ericsson.
Bei seiner Präsentation zum Thema Kundensupport bemerkte Herr Jansson: „Im Februar bemerkte ich sogar die vermutlich niedrigste Genauigkeit der Prognosezahlen seit meinem Einstieg in das Mobiltelefongeschäft 1990. Wir müssen neue Wege entwickeln, um dies zu überwachen.“
Lücken in der Prognose
Die Prognoselücke bei Sony Ericsson trägt zu finanziellen Verlusten bei, die das Unternehmen erst kürzlich auf potenziell 390 Mio. € im ersten, am 31.03. endenden Quartal ansetzte, da Verbraucher im Vergleich zum vorhergehenden Quartal nur halb so viele Telefone kauften. Das Unternehmen prognostizierte zudem, dass Verkäufe in der Mobiltelefonbranche weltweit in diesem Jahr um ca. 10% fallen würden.
Die Kettenreaktion von übersteigerten Nachfrageeinschätzungen kann hohe Verluste für Unternehmen bedeuten, da sie Lagerbestände verwalten und für Versorgungsleistungen zahlen müssen. Derartige Kosten treffen Unternehmen mitunter schwer, z. B. dann, wenn die Nachfrage fällt, während Güter wochenlang auf Schiffen unterwegs sind, so Tom Carroll, Supply-Chain-Leiter des britischen Haushaltsgeräteherstellers Dyson. „Wir müssen lernen, frühe Anzeichen von kommenden Marktschwankungen besser zu erkennen, “ sagte er bei einer Podiumsdiskussion zur Supply-Chain-Leistung. Dyson stellt seinen berühmten Airblade-Fön in China her und liefert ihn von dort aus.
„Das gesamte Umfeld der Nachfrageprognose ist hoch komplex,“ pflichtet Mick Jones, EMEA globaler Supply-Chain-VP des chinesischen PC-Konzerns Lenovo, ihm bei. „Wenn wir uns die meisten Prognose-Tools vor Augen führen, so erkennen wir, dass diese sich an den Daten der vergangenen drei Quartale orientieren.“ Bei einem Konjunkturrückgang macht ein derartiger Ansatz es seiner Meinung nach „so gut wie unmöglich“, genaue Prognosen aufzustellen.